Kongo Armut
KONGO
Armut macht krank
Möglichkeiten und Hindernisse einer effektiven Hilfe im Gesundheitsbereich am
Beispiel Boma (Kongo)
Mit manchmal verblüffend einfachen Mitteln lassen sich im Gesundheitsbereich Kosten
sparen. Das Ehepaar Römhild zeigt solche Einsparpotentiale für die Region Bas-Congo
(Kongo), dank derer die medizinische Versorgung auch für die ärmere Bevölkerung im Kongo
erschwinglich wird.
Ein maroder Staat
Der frühere Diktator Mobutu hat am Ende seines Regimes 1997 einen ausgepowerten und
zerstrittenen Staat Zaire hinterlassen. Die angelaufenen Auslandsschulden beliefen sich auf
rund 4 Milliarden US-Dollar, genauso hoch wie sein Privatvermögen auf amerikanischen und
europäischen Konten. Der in Demokratische Republik Kongo umbenannte Staat konnte von
seinen Nachfolgern, Laurant Kabila (ermordet 2001) und dessen Sohn Joseph Kabila (seither
Präsident), trotz Hilfe der UNO bisher nicht befriedet werden.
Vom wirtschaftlichen Niedergang des Landes, insbesondere vom rückläufigen
Warenumschlag im Hafen, ist die Stadt Boma stark betroffen. Seit Mobutus
Nationalisierungskampagne sind nahezu alle großen Firmen der Region (Holz, Palmöl,
Kakao, Kautschuk etc.) geschlossen worden. 1991 und 1993 kam es durch plündernde
Soldaten der eigenen Streitkräfte zu Verwüstungen und Zerstörungen.
Trotz alledem ist die Region Bas-Congo keine Hungerprovinz. Mangelkrankheiten kommen
selten vor. Arm ist man aber trotzdem, da Arbeitsplätze fehlen. Nach Schätzungen zählt der
Kongo gemessen am Pro-Kopf-Einkommen zu den ärmeren Ländern Afrikas.
Staatliche Unterstützung fehlt
Obwohl der Regierung die Situation bekannt ist, hat sie bisher keine Maßnahmen ergriffen.
Es werden wahllos Importe aus Europa und Asien zugelassen, die die eigene – wenn auch
sehr spärliche – industrielle und landwirtschaftliche Produktion preislich unterbieten und
abwürgen. Auch Altkleidersendungen (80 kg-Ballen werden für 150,-$ verkauft) sowie
Arzneimittelspenden verhindern eine faire Warenproduktion im Land. Steuern zahlt hier fast
niemand, der Staat kann mangels eigener Mittel seine Bediensteten nicht regelmäßig
entlohnen. Deren Einnahmen ergeben sich aus direkt erhobenen Gebühren. Die im Lande
geförderten Bodenschätze bringen nur einigen wenigen enorme Gewinne. Für
Infrastrukturmaßnahmen und den Gesundheitssektor fehlt jegliche staatliche Unterstützung.
Trotz veralteter Ausstattung der medizinischen Einrichtungen muss sich eine
Durchschnittsfamilie auf Dauer verschulden, um einen operativen Eingriff bezahlen zu
können. Ein Kaiserschnitt beispielsweise kostet ab ca. 50,- $ aufwärts. Zum Vergleich: Ein
Gärtner erhält monatlich 35,-$, ein Chauffeur 70,-$. Glücklich ist, wer überhaupt ein
regelmäßiges Einkommen hat. Von daher propagieren wir Lösungen, die helfen sollen, von
teuren Maschinen unabhängig arbeiten zu können, Kosten zu sparen, die
Behandlungskosten für die Patienten zu senken sowie gleichzeitig die Qualität der
Behandlung zu verbessern.
Beispiel: Schwangerschaftsbegleitun
das in Europa nicht vorstellen. Dort, wo es keinen Strom (häufig auch kein fließendes
Wasser) gibt, ist man auf die Überwachung durch das Pflegepersonal besonders
angewiesen. Das Partogramm erweist sich mit 2,-$ pro Stück als billiges und einfach zu
bedienendes Hilfsmittel (ohne Strom, keine Wartung). Der Geburtsverlauf wird mit einer
Farbmarkierung und einem Ziffernblatt direkt von der Hebamme/dem Geburtshelfer
überwacht. Dadurch können Komplikationen frühzeitig erkannt, ggf. eine Verlegung in das
nächstgelegene Krankenhaus organisiert, die Mütter- und Kindersterblichkeit gesenkt
werden. Daneben spart man noch, da unnötige Kaiserschnitte vermieden werden. Das von
mir weiterentwickelte runde/kolorierte Partogramm ist hier im Kongo unbekannt. Man kennt
hier nur das von der WHO empfohlene Partogramm mit x- und y-Achse ohne
Farbmarkierung, das jedoch wegen seiner zu abstrakten Form nicht benutzt wird. Die WHO
weiß davon, will aber erst dann das runde und kolorierte empfehlen, wenn positive
Ergebnisse aus groß angelegten Feldstudien vorliegen.
Die Gesundheitsbehörde von Bas-Congo hat uns, nachdem die Vorteile des kolo-
rierten Partogrammes erkannt wurden, ausdrücklich zur Verbreitung desselben aufgefordert.
Armut kann auch krank machen, weil Schwangerenvorsorgeuntersuchungen nicht bezahlt
werden können. Infektionen, die oft zu Früh- und Fehlgeburten führen, könnten mit einem
einfachen und billigen Lackmustest (die Verschiebung des pH-Wertes bei Infektionen führt zu
einer Farbveränderung des Papiers) erkannt werden können. Da es im Kongo bisher kein
Lackmuspapier gibt, haben wir angeregt, dieses einzuführen.
Eimer als Filter
Armut und Krankheit sind auch Folge der schlechten Trinkwasserqualität und
Abwasserentsorgung. Hier in Boma ist die Trinkwasserversorgung ein großes Problem, weil
das Wasser erst abgekocht und gefiltert werden muss. Ein Wasserfilter mit Keramikkerzen
kostet 50,-$, der von uns propagierte Sand-Kieselstein-Filter dagegen nur 2,-$. Er besteht
aus zwei ineinander gesteckten Plastikeimern. Der untere kleinere fängt das frische Wasser
auf. Der obere Eimer hat dünne Bohrlöcher am Boden, darüber eine 5 cm dicke Kieselstein-,
eine 5 cm dicke Sandschicht, und schließlich ein paar flache Steine, die eine zu starke
Aufwirbelung des Sandes verhindern. Nachteil des Plastikeimer-Filters: Er muss regelmäßig
gereinigt werden. Die teuren Keramikfilter kann sich hier jedoch niemand leisten. So wird das
Wasser unbehandelt getrunken, Durchfallerkrankungen und Gelbsucht werden in Kauf
genommen. Insbesondere Kinder und Schwangere, deren Immunsystem durch Malaria
geschwächt ist, sind betroffen.
Einsparpotentiale
Armut macht aber auch krank, weil man sich weder eine teure Arztbehandlung noch teure
Medikamente leisten kann. Zur Kostensenkung empfehlen wir das System der
Vorauszahlung. Unser Vorschlag: Der Patient erhält bei Vorauszahlung von 5000,- FC (10,-$)
eine Behandlungskarte des Krankenhauses/der Praxis im Wert von 6000,- FC, d.h. einen
Rabatt von 20 Prozent. So entstehen dem Krankenhaus keine Schuldenberge und für die
Patienten sind die Behandlungskosten billiger. Obwohl jeder, der im Kongo etwas auf sich
hält, ein Handy hat und das System der Prepaid-Karten akzeptiert, wird dieser Schritt leider
nicht auf den Gesundheitsbereich übertragen.
Im Kongo werden nicht mehr funktionierende Geräte radikal ausrangiert. Für die
Instandsetzung fehlen die Mittel und die Spezialisten. Statt einer Neuanschaffung fällt es
leichter, ein Projekt zu kreieren, um sich dann als Nichtregierungsorganisation an einen
ausländischen Partner zu wenden und um „die Kleinigkeit“ von ein paar tausend Euro zu
bitten. Nur Autos werden so lange repariert,
Wir haben versucht, die im Depot vorgefundenen, nicht mehr gebrauchsfähigen
medizinischen Apparate für andere Nutzungen umzubauen. Mit Erfolg: Bisher sind wir alles
losgeworden.
Falscher Umgang mit Medikamenten
Durch mehr Transparenz und Aufklärung im medizinisch-pharmazeutischen Bereich ließen
sich Kosten sparen. Sowohl in den Krankenhäusern als auch in den Apotheken, die es hier
wie Sand am Meer gibt und die wir mit Medikamenten beliefern, arbeiten Leute, die von
Zusammensetzung und Wirkung dieser Medikamente so gut wie keine Ahnung haben. Sie
kennen nur die Namen, oft Markenartikel mit Fantasienamen. Es gibt zwar im Kongo die von
der WHO empfohlene Liste der wichtigsten und gebräuchlichsten Medikamente, aber alles,
was man nicht kennt, wird nicht gekauft. So ist es fast aussichtslos, ein nicht vorhandenes
Produkt durch ein anderes, vielleicht sogar billigeres, zu ersetzen.
Das zweite große Problem, mit dem wir täglich konfrontiert werden, ist das „bonne date“
(Mindesthaltbarkeitsdatum). Medikamente, die nicht mindestens noch 1 Jahr Laufzeit haben,
lassen sich im Kongo weder verkaufen noch verschenken.
Es könnte sehr viel Geld gespart werden, wenn wir von den Geberorganisationen in Europa
nur die Medikamente und Geräte geschickt bekämen, die wir tatsächlich brauchen, da wir für
alles Transportkosten und Zoll bezahlen müssen.
Insgesamt ließen sich im pharmazeutischen Bereich auf mehreren Ebenen Kosten sparen,
was wiederum der armen Bevölkerung zu Gute käme: Durch eine
- adäquate Ausbildung (es gibt hier kaum ausgebildete PTAs, Apotheker etc.),
- Eingrenzung der Medikamentenschwemme aus dem Ausland, die die heimische
Produktion behindert,
- Kontrolle der auf dem Markt angebotenen Medikamente, ca. ein Drittel sind
Fälschungen, teilweise unterdosiert,
- Unterstützung der Hersteller im eigenen Land, deren Produkte einer
Qualitätskontrolle unterliegen.
Kongo: Teufelskreis zwischen Armut und Hunger
Hunger ist ein Armutsproblem. Besonders arm sind die Menschen in den am wenigsten entwickelten Ländern. Dramatisch ist die Situation beispielsweise in der Demokratischen Republik Kongo.
Ein Baby baumelt in einem blauen Leinensack. Es schreit hysterisch nach seiner Mama. 6,5 Kilogramm notiert die Ernährungsberaterin. "Hervorragend, aber noch immer weit unter der Norm", sagt sie. Das Baby mit riesig wirkendem Kopf und faltiger Haut ist 18 Monate alt und sollte eigentlich rund 11 Kilogramm wiegen Aber als es hier vor einem Jahr im ostkongolesischen Bukavu ankam, wog es gerade mal noch 1,8 Kilogramm und hatte zudem Malaria. "Dass der Säugling überlebt hat, ist ein Wunder", urteilt die Ernährungsexpertin des Uzima Centres, Nicole Bahati. Aber das Krankenhaus und schließlich der mit Mineralien und Vitaminen angereicherte "Powerbrei" des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen hätten dem Baby eine zweite Lebenschance gegeben.
Wie viel wiegt das Leben? "Sie hier",
erklärt die resolute Bahati, "wird immer die Folgen der Unterernährung spüren". Bahati schiebt ein zierliches Mädchen in einem fleckigen, einst weißen Leinenhemd an die Messlatte. Sie ist für ihre 14 Jahre viel zu klein. "Ein Zeichen ständiger Mangelernährung", so Bahati und stellt die rhetorische Frage: "Welche Chancen wird dieses unterentwickelte Mädchen haben?", denn ihr Gehirn hat nicht ausreichend Nährstoffe erhalten, die für eine normale Entwicklung nötig gewesen wären. Wie es ihren vier Geschwistern ergeht, kann man sich ausmalen, nachdem die hochschwangere junge Mutter des Mädchens ihre Geschichte erzählt hatte.
Fluch der RohstoffeWohl wahr. Denn die Demokratische Republik Konog (DRC) ist so reich, dass es sie arm macht. Wenn die DRC die enorme Wasserkraft des Flusses Kongo nutzen würde, könnte sie problemlos ganz Afrika und Europa mit Energie versorgen. Zudem könnte die DRC dank ihrer heiß begehrten Bodenschätze das reichste Land Afrikas sein. Die Vorkommen an Gold, Kupfer, Diamanten, Kobalt, Uran und Coltan hier im Herzen Afrikas gehören zu den bedeutendsten der Welt.
Bildunterschrift: In der Erde des Kongos lagern wertvolle RohstoffeBeispiel Coltan: 80 Prozent der weltweiten Reserven dieses kostbaren Erzes stecken im Boden in der DRC. Coltan wird für jedes Handy benötigt und ist daher heiß begehrt. Das Erz ist leicht abzubauen, da es dicht unter der Erdoberfläche liegt. Leider wird der Abbau weitgehend von eigenmächtig agierenden Generälen, Soldaten und Milizen kontrolliert, die illegal damit handeln. Wenn die DRC also ihre Soldaten kontrollieren, der Korruption und der endlosen Selbstbereicherung der Mächtigen ein Ende setzen könnte, dann wäre die Demokratische Republik Kongo eines der reichsten Länder der Erde.
Nsimire hat aufgegessen. Esperance Ngabo nimmt ihre Tochter an der Hand, um nun auch für sich selber etwas Essbares aufzutreiben. Vielleicht kann sie ein paar Cent durch ihre Trägerdienste verdienen und heute sogar mal ein wenig Gemüse statt immer nur Maniokbrei essen. Sie lächelt beinahe weise und sagt im Hinausgehen: "Das einzige was uns fehlt sind Sicherheit und Frieden."
